Was ein Verkäufer von einer Plattform tatsächlich mitnehmen kann
Wenn ein Marktplatz schließt, ist das Guthaben nicht das Erste, was fehlt. Es sind die Aufzeichnungen. Was sich hier abrufen lässt, wie oft, und was nur im Dashboard existiert.
Michael ChenWenn ein Marktplatz schließt, denken alle zuerst an das Guthaben. Verkäufer, die so etwas hinter sich haben, berichten allerdings etwas anderes: Das Guthaben war meist der kleinere Verlust. Weg waren die Aufzeichnungen. Wer wann was gekauft hat, welche Beschreibung funktioniert hat, welche Menge sich in welchem Zeitraum verkauft, und mit wem man zu tun hatte.
Guthaben ist ein Betrag. Aufzeichnungen sind das Geschäft.
Deshalb geht es hier nicht um die Frage, welche Plattform die bessere ist, sondern um eine engere und beantwortbare: Was können Sie hier tatsächlich herausholen, und wie oft sollten Sie das tun.
Es gibt keinen Export-Knopf
Das steht zuerst, weil es die Antwort auf die Frage ist, die die meisten stellen. Einen Knopf, der Ihnen Ihre Bestellungen als Tabelle herunterlädt, gibt es nicht. Nicht versteckt, nicht in den Einstellungen, nirgends.
Was es stattdessen gibt, ist eine Schnittstelle, und die ist in diesem Zusammenhang die bessere Antwort, weil sie sich planmäßig abrufen lässt statt einmalig in Panik.
Was sich abrufen lässt
Die Schnittstelle arbeitet über einen einzigen Zugangspunkt, dem Sie mitteilen, welche Auskunft Sie wollen. Für die Sicherung Ihrer eigenen Daten sind vor allem diese Auskünfte brauchbar:
- Ihre Angebote, also was Sie eingestellt haben, mit den zugehörigen Angaben.
- Ihre Shops.
- Der Bestand, also was noch da ist.
- Der Status einzelner Bestellungen, abgefragt über deren Kennung.
- Der Kontostand.
- Der Katalog, also Kategorien und Angebote insgesamt, was für die Beobachtung des Umfelds nützlich ist und nicht nur für die eigene Sicherung.
Dazu kommen die Aktionen, die kein Abruf sind, sondern ein Eingriff: Bestellungen aufgeben, stornieren, prüfen ob eine Stornierung zulässig ist, und der Satz an Aktionen für die SMS-Verifizierung. Die sind für den Betrieb wichtig und für die Sicherung nicht.
Das Format der Schnittstelle folgt einer verbreiteten Konvention, was einen praktischen Nebeneffekt hat: Wer schon einmal etwas gegen eine solche Schnittstelle geschrieben hat, muss das Skript nicht neu erfinden, sondern meist nur die Adresse und den Zugangsschlüssel austauschen.
Was nur im Dashboard steht
Hier die ehrliche Gegenliste, denn sie entscheidet darüber, was Sie zusätzlich von Hand mitschreiben müssen.
Der vollständige Verlauf Ihrer Nachrichtenstränge liegt in den Tickets und nicht in der Schnittstelle. Die Begründungen zu abgelehnten Angeboten ebenso. Die Auszahlungshistorie mit den einzelnen Beträgen und Zeitpunkten steht in der Auszahlungsansicht.
Für diese drei gilt schlicht: Wenn Sie sie brauchen, holen Sie sie sich, solange Sie hineinkommen. Ein Bildschirmfoto ist unelegant und schlägt eine Erinnerung.
Die Routine, die sich lohnt
Nicht mehr als das, und wöchentlich statt einmalig.
- Wöchentlich Angebote und Bestand abrufen und beiseitelegen. Nicht wegen des Bestands, den kennen Sie. Wegen der Beschreibungen. Die Formulierung, die bei Ihnen funktioniert, ist nach Jahren nicht rekonstruierbar, und sie ist das Einzige, was Sie zu einem anderen Anbieter wirklich mitnehmen können.
- Bestellungen laufend mitschreiben. Kennung, Datum, Angebot, Betrag, Ausgang. Das ist die Grundlage für jede Steuer- und Buchhaltungsfrage und für jede Aussage darüber, was sich saisonal verkauft.
- Auszahlungen mitschreiben. Betrag brutto, Gebühr, Betrag netto, Datum. Der Grund steht im nächsten Abschnitt.
- Einmal im Quartal einen Blick auf die Tickets. Nicht alle, sondern die, in denen etwas Grundsätzliches geklärt wurde.
Der Aufwand liegt bei wenigen Minuten pro Woche, sobald der Abruf einmal geschrieben ist. Der Unterschied wird erst sichtbar, wenn er gebraucht wird, und dann ist er groß.
Die Zahl, die in jede Kalkulation gehört
Wer Aufzeichnungen führt, führt sie über Beträge, und dazu gehört ein Punkt, der in Werbetexten regelmäßig fehlt, auch in älteren eigenen.
Je verkaufter Bestellung zieht die Plattform nichts ab. Beim Herausholen des Geldes fallen jedoch zehn Prozent an, und einen anderen Weg an das Geld gibt es nicht. Alle 1.987 Auszahlungen im Bestand tragen diesen Satz, ohne Ausnahme, dazu gilt eine Mindestsumme von zehn. Der eingestellte Preis ist also nicht der Betrag, der bei Ihnen ankommt.
Dafür geht es schneller, als hier bisher behauptet wurde: Gemessen an 1.888 abgeschlossenen Auszahlungen ist die Hälfte nach gut vier Stunden erledigt, vier von fünf innerhalb von zwölf Stunden und 99 von 100 innerhalb eines Tages. Ältere Angaben von zwölf bis sechzehn Stunden sind zu vorsichtig. Wer beides mitschreibt, hat nach einem Quartal die eigene Zahl und muss keiner Seite glauben, auch dieser nicht.
Zwei weitere Korrekturen, die in dieselbe Richtung gehen. Die oft genannte Wartezeit von drei Tagen bis zur automatischen Bestätigung gilt nur auf den unteren beiden Verkäuferstufen; darüber sind es zwei und ganz oben einer. Und die Sternebewertungen taugen nicht als Ruf, den Sie aufbauen: Von 82.323 Bewertungen sind 82.167 exakt fünf Sterne und nur 168 tragen Text, weil bei jeder automatisch bestätigten Bestellung eine entsteht.
Was das über die Plattformwahl sagt
Weniger, als man denkt, und das ist der Punkt. Eine Plattform, deren Zahlen Sie kennen, ist einer vorzuziehen, deren Zusagen besser klingen. Prüfbar ist beides erst, wenn Sie eigene Aufzeichnungen führen, und die führen Sie unabhängig davon, wo Sie gerade verkaufen.
Wie man einen Anbieter vor dem Umzug prüft und wie ein Wechsel ohne Lieferlücke abläuft, steht im Beitrag zu Alternativen und Anbietertypen. Was regulatorisch dranhängt, also die auf Deutsch mit Abstand häufigste Frage rund um den Verkauf digitaler Produkte, ist in den Hinweisen zur Umsatzsteigerung und in der FAQ behandelt.


